Seumestr. 8 · 10245 Berlin · Friedrichshain
Die Geschichte der Seumestraße 8
Erbaut 1911 auf dem Höhepunkt von Berlins Industrialisierung steht der Altbau in der Seumestrasse 8 seit über einem Jahrhundert — durch die Weimarer Jahre, den Krieg, die DDR, die Wiedervereinigung und die Gentrifizierung. Die Wohnung, die wir vermieten, liegt im 4. Stockwerk. Das ist die Geschichte des Gebäudes.
1911 — Berlins Industrieboom
Das Gebäude in der Seumestraße 7/8 wurde 1911 erbaut — mitten in Berlins dramatischster Wachstumsphase. Die Einwohnerzahl der Stadt war zwischen 1800 und 1919 von 172.000 auf fast 2 Millionen gestiegen, angetrieben durch rasche Industrialisierung und die Ansiedlung von Fabriken wie Siemens (1847) und AEG (1861) in den umliegenden Bezirken. Friedrichshain füllte sich quasi über Nacht mit Arbeiterwohnungen.

Die Gebäude dieser Ära folgen einem präzisen Prinzip: 22 Meter hoch — genau so breit wie die Straße — mit Gewerbeflächen im Erdgeschoss, vier oder fünf Wohnetagen darüber und einer Reihe von Innenhöfen, in denen kleine Gewerbebetriebe arbeiten konnten. Das Ergebnis ist das Straßenbild, das man heute in der Seumestraße sieht: solide, imposant, wunderschön proportioniert. 1920, als Groß-Berlin per Volksabstimmung gegründet wurde, wurde Friedrichshain offiziell ein Stadtbezirk.

Die 1920er — Gangs, Schlägereien und Partys
Die 1920er-Jahre brachten etwas Wilderes. Friedrichshain wurde berüchtigt für seine Gangs, riesige Straßenkämpfe und außergewöhnliche Partys — ein Arbeiterviertel mit enormer Energie. Stadtführer Jonny Whitlam bringt es gut auf den Punkt:
Video von @whitlamsberlin — Berlin-Geschichte-Stadtführungen
Zweiter Weltkrieg — die Brandmauer
Der Zweite Weltkrieg hinterließ sichtbare Spuren. Friedrichshain — unter den Nazis in Horst-Wessel-Stadt umbenannt — wurde wegen seiner Industriebasis stark bombardiert. Wenn man aus dem Badezimmerfenster der Ferienwohnung in der Seumestraße 8 in den Hinterhof schaut, sieht man eine große kahle Mauer: eine Brandmauer, die gebaut wurde, um die Ausbreitung von Feuer zwischen Gebäuden zu verhindern. Diese Mauer war einmal mit dem Nachbargebäude verbunden. Der Nachbar wurde bombardiert und zerstört — die Brandmauer blieb.

Das Ausmaß der Zerstörung im Viertel:

Ost-Berlin — die DDR-Jahre
Nach dem Krieg wurde Friedrichshain Teil Ost-Berlins — ein Arbeiterbezirk unter der DDR, weitgehend unberührt von den Modernisierungsprojekten, die West-Berlin umgestalteten. Die Seumestraße war bewohnt, abgenutzt und ein echter Kiez statt eine Destination.

Eine Anwohnerin der Seumestraße in den 1960ern, Jutta Langer, erinnerte sich an das Leben in genau dieser Straße zur DDR-Zeit:

„Ihre ersten Quartiere in Friedrichshain lagen in der Seumestraße, wo sie von den Eltern einer Freundin aufgenommen wurde, die in den Westen gegangen war. ‚Die waren sehr nett zu mir und haben mich gebeten, in ihr Zimmer zu ziehen.' Doch das dauerte nicht lange. ‚Eines Tages komme ich nach Hause, alles merkwürdig still. Niemand da, die Schränke leer. Da wusste ich, dass auch sie in den Westen gegangen waren. In der Küche lag ein großer Zettel: Liebe Jutta, ich hoffe, du verstehst unseren Schritt… Natürlich konnte ich die Wohnung nicht behalten. Von den Möbeln durfte ich nur ein Klappbett behalten, das ich auch noch bezahlen musste. Dann wurde mir eine Wohnung in der Krossener Straße zugewiesen.'"
Wiedervereinigung und heute
Nach der Wiedervereinigung wurde Friedrichshain zur Hochburg von Berlins Hausbesetzer- und Punkszene — leerstehende Gebäude besetzt, Wagenburgen, radikale Politik. Dann kamen nach und nach die Bio-Läden. Dann die Restaurants. Dann der Sonntagsflohmarkt am Boxhagener Platz. Die Gentrifizierung der letzten 25 Jahre war real, aber die Seumestraße und das Viertel haben eine Eigenheit bewahrt, die die meisten Entsprechungen in Mitte oder Prenzlauer Berg längst verloren haben.
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